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Ein bisschen radikaler werden – die Menschen erwarten dies von uns

Streitschrift an Mitgliedschaft und Parteivorstand zum Wie-Weiter mit der LINKEN

1. "In Brandenburg, in Brandenburg, ist wieder jemand gegen einen Baum gegurkt"
(Rainald Grebe)

Aus unseren Postkästen kommt eine unwiderstehliche Aufforderung: 
"Wie können wir den politischen Einfluss der Partei weiter vergrößern? Was muss geschehen, damit die Mitglieder noch besser Einfluss auf die Politik der LINKEN nehmen können? Wie kann die Mitgliedschaft für jede und jeden noch attraktiver werden?" Die "Mitglieder des Parteivorstandes" wenden sich in einem Brief  vom Ende Oktober mit drei großen Fragen an die Mitglieder der Partei. Wir wollen gerne antworten, wenn auch manchmal etwas fragend. Doch bevor es richtig losgeht, erfordert die aktuelle Entwicklung eine Unwetterwarnung. Die Entscheidung unserer Partei in Brandenburg, sich an einer Regierung unter Ministerpräsident Platzeck und mit der SPD zu beteiligen ist falsch und geradezu die Zusammenfassung einer Antwort auf alle drei oben zitierten Vorstandsfragen: So nicht! Wir wünschen eine sofortige Korrektur dieser Entscheidung.

Zur Erinnerung: Die Regierungsbeteiligung in Berlin war bereits für eine unserer Vorläuferparteien, die PDS, eine fast das politische Überleben kostende Fehlentscheidung. Das Überleben wurde durch die Vereinigung mit der WASG und die Bildung der LINKEN gesichert, aber die Fehlentscheidung der Regierungsbeteiligung in Berlin blieb. Aber paradoxer und erfreulicher Weise hat die Gründung der Partei DIE LINKE die negativen Folgen der Senatsbeteiligung relativiert. Die Politik der Partei in Berlin wird in der Mitgliedschaft und auch in der Öffentlichkeit, als ungeliebte Erbmasse der Vor-LINKE-Zeit  wahrgenommen. Sie war und ist alles andere als das "strahlende Ziel" linker Parteibildung in Deutschland, sondern stand und steht unter permanentem Rechtfertigungsdruck.  Sie stand und steht in personeller und politischer Hinsicht für die verkniffene, demütige und hasenherzige  Rolle, in der sich das deutsche Bürgertum eine Linke nur vorstellen kann. Trotz dieser Relativierung hat sich die LINKE in Berlin blamiert und hat sich gegen die Interessen der "kleinen Leute" und gegen die fortschrittliche soziale Opposition aus Gewerkschaften und sozialen Bewegungen gestellt. In keinem anderen Bundesland ist dies in den letzten fünf Jahren geschehen.

Im Gegenteil: Wir sind stolz darauf, einer Partei anzugehören, die seit Beginn der Parteibildung vor fünf Jahren in allen großen und kleinen Fragen der sozialen Auseinandersetzung auf der richtigen Seite der Barrikade steht, und wir halten dies und nur dies für die Wurzel unseres Erfolges. Wir stehen auf der Seite der Anti-Kriegsbewegung und ermuntern sie zu Hartnäckigkeit und Radikalität bei der Verhinderung der Kriegspolitik der deutschen Regierung, der EU und der Nato. Wir stehen auf der Seite der Umweltbewegung und gehören zu den konsequenten GegnerInnen der Atomenergie, der Kohlegroßkraftwerke und anderer Klimakiller. Wir stehen auf Seite der Bürgerrechtsbewegung gegen Überwachungsstaat, polizeiliche Willkür und angeblichen Anti-Terror-Krieg. Wir stehen auf der Seite der Beschäftigten und Verbraucher bei der Verhinderung von Privatisierungen und für den Ausbau des öffentlichen Sektors.  Wir stellen uns mit der antifaschistischen Bewegung den Alt- und Neonazis in den Weg. Und in allen konkreten Interessenskonflikten zwischen Kapital und Beschäftigten (immer mit der Ausnahme Berlin) hat die LINKE praktische Solidarität mit der richtigen Seite geübt und sich nicht irgendwelchen "Sachzwängen" gebeugt – von den kleinen Konflikten wie den Fahrradwerken in Nordhausen und dem Flughafendienstleister Gate Gourmet  bis zu den großen Kämpfen um Nokia, Opel oder Quelle. Viele dieser Konflikte gingen verloren oder nur mit mäßigen Ergebnissen zu Ende, aber unsere Glaubwürdigkeit hat nicht gelitten.

Mit der Regierungsbeteiligung in Brandenburg tritt die LINKE nun erstmals seit ihrer Gründung in eine Landesregierung ein und eine Bilanz der Koalitionsverhandlungen und die schlussendlichen Vereinbarungen lassen Schlimmes befürchten. Die LINKE in Brandenburg ist bei den Landtagswahlen knapp zweitstärkste, bei den Bundestagswahlen stärkste Partei geworden.  Auf dieser Basis wäre zu erwarten gewesen, dass sich die LINKE mit der SPD vielleicht über das Tempo und einzelne Schritte streitet, aber die großen Fragen der politischen Richtung müssen schon gemeinsame, oder wenigstens von der SPD geduldete sein: Das Jahrhundertthema Umwelt- und Klimaschutz erfordert ein klares Ziel des Ausstiegs aus der Kohleenergie und nicht Maßnahmen der Beibehaltung, sondern des Rückbaus gerade der Braunkohleförderung. Der öffentliche Sektor muss ausgebaut und nicht etwa gesundgeschrumpft werden. Eine Regierung auch in einem Bundesland muss eine klare anti-militaristische Zielsetzung haben und darf nicht den EU-Vertrag von Lissabon gutheißen. Sie muss sich auf Initiativen gegen den Afghanistan-Krieg und gegen Militär- und Rüstungsprojekte im Land verständigen. Sie muss ein Landesentwicklungsprogramm vereinbaren, in dessen Mittelpunkt eine Politik der Umverteilung der Vermögen von oben nach unten und auch der Arbeitszeit in Form von Arbeitszeitverkürzung steht. Sie muss eine widerständige Grundhaltung gegen die finanzielle Ausblutung der Landes- und Kommunekassen entwickeln und sich allen diesbezüglichen Maßnahmen der Bundesregierung praktisch in den Weg stellen. Das papierne Ergebnis der Koalitionsverhandlungen in Potsdam entspricht solchen großen politischen Zielsetzungen nicht. Also: Entweder wurde schlecht verhandelt, oder es geht mit der SPD schlicht nicht.

Die papierne Bilanz ist schlimm, die personelle nicht minder. Die LINKE lässt sich erst ihre Spitzengenossin demontieren, wegen einer "falschen" Vergangenheit. Die Vergangenheit der Agenda-2010-Sozialdemokraten stand erst gar nicht zur Debatte. Dann übernimmt sie die Ministerien, wo sie nur an Glaubwürdigkeit verlieren kann – überlässt die Regie aber einem Ministerpräsidenten aus der SPD.  Und anstatt die SPD auf praktische, auch außerparlamentarische Einheitsaktivitäten zur Unterstützung der Gewerkschaften und sozialen Bewegungen zu verpflichten, fällt die LINKE diesen Bewegungen, allen voran  der von ihr selbst mit aufgebauten Bewegung gegen den Braunkohleabbau in den Rücken.  Diese Bilanz ist schlicht ungenügend und der Eintritt in die Regierung in Brandenburg sollte gar nicht erst begonnen werden.

2. Von oben nach unten und zurück

Der Brief der "Mitglieder des Parteivorstandes" – wir schreiben dies in Anführung, weil auf der PV-Sitzung, wo diese plötzliche Idee eines Briefes an die Mitgliedschaft ein einziges Mal diskutiert wurde, fast alle Vorstandsmitglieder die Idee als gut, die konkrete Umsetzung aber höchstens als gut gemeint bewerteten,  der Brief dennoch fast unverändert veröffentlicht wurde – ist lebendiger Ausdruck einer Politik- und Diskussionskultur sowie eines Parteimanagements des verantwortlichen Apparates, die im Mittelpunkt einer kritischen Bewertung des Istzustandes der Partei und daraus folgender Änderungen stehen sollten. Die LINKE kennt als erlaubtes Bauprinzip nur den vertikalen Diskurs.  Der Vorstand schickt einen Brief nach Unten. Dort dürfen sich dann Kritik und Emotionen in möglichst knappen Stellungnahmen äußern, die nach Oben zurück gehen. Abschließend verarbeiten MitarbeiterInnen des Apparates nach mehr oder weniger willkürlichen, aber immer verborgenen Kriterien die Impulse aus der Basis, schreiben dem Vorstand einen neuen Text und der verkündet: Wir haben begriffen; die Einheit ist wieder hergestellt.  Für Programmdiskussionen, egal ob zu Wahlen oder allgemeinem Selbstverständnis, schickt der Vorstand einen geschlossenen Text nach Unten. Dort dürfen möglichst kurze Änderungsanträge formuliert werden, die dann von einer machtvollen Allianz aus "zusammenfassender Redaktionsarbeit" der ApparatmitarbeiterInnen, Antragsberatungskommission und Parteitagsregie zu einem dieser schrecklich langweiligen, sprachlich barbarischen und politisch meist unverbindlichen "Programme" in Parteisprech verwandelt werden.

Dieser zurecht etwas "militärisch" anmutende und immer mit den entsprechenden moralischen Imperativen "Einheit!", "Geschlossenheit!" oder "Streitet euch nicht!" angefeuerte vertikale Diskurs bildet im besten Fall die Partei und ihr Wollen statisch ab. Meistens sind die Ergebnisse aber schlechter als der beste Fall: schräg, lebensfremd, langweilig. Dafür sorgen nicht zuletzt zwei weitere Strukturmerkmale: Die LINKE leistet sich einen fast feudalen und in einer offenen, von Informationstechnologien mit gigantischen kollektiven Möglichkeiten geprägten Gesellschaft sehr altmodisch daherkommenden Chef- und Hierarchiekult mit gewährten oder auch nur genommenen Sonderrechten für Vorsitzende und einer unendlichen Fülle von Zugeständnissen an die bürgerliche Medienwelt, die in ihrer Aufgabe, die bestehenden Verhältnisse gut und stabil zu schreiben, solche affirmativen und undemokratischen Personalisierungen wünscht und fördert. Auch hier gilt, wenn er pfiffig vorgetragen wird – und auch wir freuen uns an temperamentvollen Auftritten und den wenigen kühnen Versuchen programmatischen Vordenkens seitens unserer "Promis" – übertüncht dieser Chefkult im besten Fall die Tristesse des vertikalen Diskurses. Aber er bestätigt gleichzeitig dessen Grundfehler, die Partei nur statisch wahrzunehmen, was in dem Ausdruck "stehende Ovationen", die ein Parteitag ihrem Vorsitzenden schenkt, schon begrifflich verankert ist. Die Delegierten klatschen wie wild, aber politisch bewegen sie sich nicht. Im Normalfall wird der Chefkult aber nicht pfiffig vorgetragen, sondern tritt als schnöde Vorform der Bürokratisierung und Funktionärsgetue auf, mit all den üblen Nebenerscheinungen aus Kampf der Eitelkeiten, Intrigen, Kofferträgertum und einem parteiinternen Selektionsprozess, der nicht die klügsten und kreativsten Kräfte, sondern die am besten Angepassten in den Vordergrund bringt und immer auf Kosten der von der wirklichen Welt bereits diskriminierten Menschen, Frauen zuerst, geht.

Das zweite, die objektiv schon begrenzten Potenzen eines nur vertikalen Diskurses hemmende Strukturmerkmal ist die Existenz eines zweiten, ungleich mächtigeren "Oben": Die Parlamentsfraktionen. Sie sind das von Staatsknete gemästete eigentliche Kraftzentrum der Partei, dessen Einbindung in die Parteikultur nicht nur ebenfalls eindimensional Oben-nach-Unten geschieht, sondern zusätzlich noch stark einseitig ist. Die Mitglieder rackern sich  ab, damit eine kleine Auswahl von ihnen in den Genuss der politisch-psychologischen und materiellen Privilegien der bürgerlichen Parlamentsmaschinerie kommt. Zurück erhalten sie im Wege der Schenkung ohne weitere Ansprüche Parteibüros, hauptamtlich Angestellte, Presseerklärungen und viel buntes, professionell hergestelltes Propagandamaterial. Ein wahrer Regen von oben, in dessen Produktion oder Überprüfung der Sinnhaftigkeit sich die ParlamentaristInnen von keiner Parteiinstanz, keinem Parteitag und keinem Vorstand, hereinreden lassen. Und wenn die Einsicht doch dazu führt, sich einmal hereinreden zu lassen, dann kommt immer irgendein Gesetzes- und Geschäftsordnungsfetischist, der verkündet, dies wäre in Deutschland nicht erlaubt, und wenn dagegen verstoßen würde, müssten die Parlamentswahlen wiederholt werden. Oh Schreck! Die politische Fixierung auf die Parlamentsarbeit passt wie die Faust aufs Auge zum vertikalen Diskurs, der die Partei DIE LINKE prägt. Sie ist sozusagen eine Form der Genugtuung für dessen Beschränktheit. Die Parlamentsarbeit scheint all den alltäglichen Parteimühen einen Sinn zu geben. Sie erscheint als das eigentliche Ziel der politischen Arbeit. Und – vielleicht in ihren Auswirkungen am dramatischsten – sie ordnet die vom vertikalen Diskurs hinterlassene Hierarchie von Oben nach Unten im Sinne einer Rangfolge von Wichtigkeiten – bei Personen und Programmen. Das ist vor allem auf kommunaler Ebene fast schon eine tödliche Infektion der Partei. Jede und jeder Linke weiß, die politische Arbeit gegen die herrschenden Verhältnisse und deren Profiteure muss ihr Zentrum in den Kommunen haben – bei den Menschen, im Stadtteil, in den Schulen, Betrieben und kulturellen Einrichtungen. Die Orientierung auf den Parlamentarismus übersetzt das richtige "Die Kommune muss das Zentrum sein" in das zwar ähnlich klingende, aber fatale "Die Kommunalparlamente müssen das Zentrum sein".  Bei den Kommunalwahlen nehmen in Deutschland ungefähr 40 Prozent der Wahlberechtigten teil. Sechzig Prozent wissen von der machtpolitischen und ökonomischen Beschränktheit der Kommunalparlamente oder ahnen sie zumindest. Trotzdem widmen sich die Kreisverbände der LINKEN mit neunzig und mehr Prozent dieser weitgehend uninteressanten und überflüssigen Arbeit. Tausende von Mitgliedern, durchweg fast der gesamte aktive Bestand am Ort, werden darauf orientiert und von wirklicher politischer Arbeit abgehalten. Und der vertikale Diskurs in der Partei verhindert systematisch ein Infragestellen dieser Kräfteverteilung und "beweist" täglich die angebliche Wichtigkeit der kommunalen Parlamentsarbeit. Dieser Prozess wurde bei den Grünen zurecht als "Durchmarsch der Gartenzwerge" bezeichnet, der lange vor der großen Rechtsentwicklung der Grünen und als deren Voraussetzung eintrat.

Diese ganze schöne Scheinwelt wird aber brutal zerrissen, wenn sich die "Macht-" oder "Regierungsfrage" zum Eintritt in die Parteidebatte anmeldet, und damit wären wir dann wieder in Brandenburg... Da geht es um gesellschaftliche Kräfte, die analysiert und gebändigt werden wollen und prinzipiell nicht eindimensional von Oben nach Unten auftreten.

Jedes Parteimitglied weiß und erlebt natürlich, dass das wahre Parteileben, der eigentlich spannende Diskurs, auf horizontaler Ebene stattfindet  - in der praktischen politischen Außenarbeit, zwischen den Parteimitgliedern, in Arbeitsgemeinschaften, in politischen Strömungen und, nicht zuletzt, in privaten Kreisen, Hinterzimmern, informellen Treffen und allen Formen einer kollektiven Parteikultur – auch wenn letztere in der LINKEN stark vernachlässigt wird. Das ist die eigentlich Sphäre, wo die Partei selbst als soziale Bewegung erfahren, wo Kreativität gefordert und erzeugt wird. Das steht in der Realität der LINKEN im krassen Gegensatz zum immer größer werdenden Teil der "ausführenden Parteiarbeit", des erzwungenen oder mangels Alternative nörgelnd akzeptierten  oder auch mal erfreut angenommenen Konsumismus gegenüber den Geschenken der ParlamentaristInnen und der Erduldung unendlichen Pöstchengerangels und Wahlkampfformalia.

Die LINKE hat durchaus diesen Widerspruch und die Beschränktheit des vertikalen Diskurses wahrgenommen. Sie hat zahlreiche Kreis-, Landes- und Bundesarbeitsgemeinschaften eingerichtet oder deren Existenz hingenommen. Sie erlaubt ausdrücklich politische Strömungen und regelt deren Integration in die Gesamtpartei. Aber all das ist nicht nur nicht zu Ende gedacht, sondern in seiner Wirkung fast auf den Kopf gestellt. Die Arbeitsgemeinschaften entwickeln sich zu dauerhaften Zirkeln von ExpertInnen, die nicht in und auf die Partei einwirken, sondern Themenbereiche externalisieren und von der Partei hinterlassene Nischen abdecken sowie letztlich Seiteneingänge für Parteikarrieren aufzubauen versuchen. Das trifft besonders auf die mächtige BAG Betrieb und Gewerkschaft zu, die einer AFA in der SPD immer ähnlicher wird. Noch bedenklicher ist es mit den politischen Strömungen – mit Ausnahme des bewusst als offenes und auf die Gesamtpartei orientierten Netzwerkes "Antikapitalistische Linke" – die sich komplett als Partei in der Partei verstehen, als dauerhafte organisatorische Zweitheimat, die wenigstens ein bisschen horizontalen Parteidiskurs erlaubt. Sie degenerieren zudem immer schneller zu schnöden Interessensgemeinschaften, die den Kampf um persönliche Karrieren und Parlamentsposten erleichtern sollen. Damit sind sowohl Arbeitsgemeinschaften als auch besonders die Strömungen nicht nur keine Herausforderung für den vertikalen und zentralisierten Parteiaufbaukurs, sondern die fast notwendige Ergänzung zur Macht des Parteiapparates und –vorstandes und der Verselbständigung der Parlamentsfraktionen.

Aber die politischen Strömungen verweisen auf einen Zustand, der für den Parteibildungsprozess und den bis heute andauernden Erfolg der LINKEN von existenzieller Bedeutung ist: Die LINKE ist eine Partei unterschiedlicher Meinungen, auch zu großen Fragen. Sie ist, wie alle so schön betonen, eine plurale Partei. Diese Eigenschaft war wichtigste Voraussetzung dafür, dass die LINKE das tiefe Loch überwinden (noch nicht schließen!) konnte, das die Todeskrise des Stalinismus oder "realen Sozialismus" und die tiefe Krise des Sozialdemokratismus hinterlassen haben. Wer den pluralen Charakter der Partei ernst nimmt, der oder die muss der bewussten Organisierung eines horizontalen Parteidiskurses einen hohen Stellenwert einräumen. Die Partei ist nicht "geschlossen" oder "einheitlich" – daran ändern auch Appelle nichts, sondern nur ein Debattenprozess, der nicht nur in Vorstandsvorlage-Änderungsantrag-Dimensionen läuft, sondern entlang politischer Alternativen. Die nächste Zukunft der Partei wird nicht durch "SED-Abstimmungen" mit 99 Prozent Zustimmung geprägt sein, sondern durch Herausbildung, Duldung und konstruktive Integration von Minderheits- und Mehrheitspositionen, die oft auch sehr knapp sein werden. Wer sich dem entgegenstellt, wie wir das immer häufiger und auf allen Ebenen der Partei erleben, der oder die züchtet zum oben beschriebenen parteiinternen Selektionsprozess noch einen zweiten, zerstörerischen hinzu: er treibt politische Gesamt-Alternativen zum Vorstandskurs und deren AnhängerInnen zur Spaltung und zum Austritt aus der Partei. In der Entwicklung einer Debattenkultur entlang von Alternativen hätten auch die Strömungen ihren eigentlichen Sinn und auch – das wird die "Unabhängigen" freuen – eine Perspektive gewonnen, sich auch mal auflösen zu können. Wenn die LINKE also zum Beispiel einen Parteitag organisiert, auf dem anstatt einer stundenlangen Rede der Vorsitzenden, gleichberechtigte politische Einleitungen unterschiedlicher  Positionen gehört werden, eine Debatte entlang dieser Alternativen geführt wird, Abstimmungen mit Mehr- und Minderheit erfolgen, deren Ergebnisse sich dann auch in der Zusammensetzung der Leitungsorgane widerspiegeln – dann wäre ein solcher Parteitag lebendiger, wirkungsvoller und demokratischer – und die Umfrageergebnisse zu den nächsten Parlamentswahlen würden auch eher nach oben als nach unten gehen.

3. Zur Auflockerung ein paar praktische Vorschläge

Bleiben wir bei praktischen Beispielen und der konkreten Beantwortung der Fragen aus dem Brief der "Mitglieder des Parteivorstandes". Wir hätten da einen Wunschzettel, der gern von oben nach unten abgearbeitet werden kann:

  • ab sofort sind die Mitglieder Ausgangspunkt und Zentrum aller Parteiüberlegungen und nicht die "Wähler", die Erwartungen der Medien oder die "Umfragen";

  • wir beginnen einen kleinräumigen Organisationsaufbau in deren Zentrum Arbeits- und Lebensumfeld der Mitglieder stehen, den Aufbau von Betriebsgruppen, Stadtteil-, Schul- und Universitätsgruppen;

  • wir setzen konsequent die Geschlechterquotierung um, gerade auf den Ebenen, wo es angeblich nicht gehen soll;

  • wir sorgen für eine breite Streuung von Ämtern und Funktionen, Ämterhäufung wird geächtet und verhindert;

  • wir sorgen für regelmäßige Rotation bei den Ämtern und Befristungen;

  • wir halten die Trennung von Parteiamt und parlamentarischen Mandaten strikt ein, gerade auf kommunaler Ebene;

  • auch parlamentarische Ämter werden auf maximal zwei Legislaturperioden befristet, wie seit Jahren in der italienischen Linken bewährt;

  • wir befolgen den Rat der niederländischen SP "Erst Mitglieder, dann Wahlbeteiligung" und nehmen nicht an jeder kommunalen Wahl teil und beschränken die Arbeit in kommunalen Parlamenten zugunsten einer außerparlamentarischen Arbeit in den Kommunen;

  • wir befolgen einen zweiten Rat der niederländischen SP und sagen "No Faction Without Action", d.h. jede/r Abgeordnete jedes Parlamentes muss in praktische außerparlamentarische Arbeit vor Ort integriert sein;

  • wir stellen einen großen Teil der Arbeit der Berliner Parteizentrale um auf logistische, materielle und politische Hilfestellung der kleinräumigen Mitgliederorganisation einschließlich Arbeit der Hauptamtlichen vor Ort;

  • statt zentralistischer Kampagnen und Propagandamaterial wird überwiegend orts- und einsatznaher Aufklärungs- und Bildungsbedarf versorgt;

  • wir bekennen uns ausdrücklich zu Vielfalt und Eigenkreativität, auch wenn dies das "einheitliche Erscheinungsbild" und "corporate Design" verletzt;

  • statt uniformer Internetauftritte und zentralistischer Reglementierungen rufen wir alle Mitglieder auf, sich am wirklichen Online-Leben zu beteiligen, mit eigenen Seiten, Blogs und allem, was dazu gehört;

  • wir bekennen zu uns politischer Pluralität und auch grundsätzlicher Alternativen in unseren Reihen, wir organisieren politische Debatten unter Berücksichtigung dieser Alternativen, auch um sie konstruktiv aufzuheben;

  • wir organisieren Parteitage als wirkliche Foren der Mitgliedschaft und Zentrum der Delegiertendebatten, politische Alternativen werden gleichberechtigt integriert, Parteitage werden möglichst auf thematische Schwerpunkte ausgerichtet;

  • wir organisieren die medien-orientierten Auftritte, Reden unserer Prominenz usw. auf eigenständigen Veranstaltungen  vor oder nach Parteitagen;

  • wir wählen Leitungsorgane, Kommissionen gemäß der tatsächlichen politischen Meinungen und Abstimmungsergebnisse mit Minderheitenschutz auf allen Ebenen;

  • wir orientieren unsere Wahlkämpfe auf die direkte Unterstützung unserer Mitglieder vor Ort und geben die Mittel entsprechend aus;

  • wir organisieren obligatorische öffentliche Bilanzkongresse zu unserer Parlamentsarbeit mit anderen linken Kräften und sozialen Bewegungen;

  • wir treten innerhalb sozialer Bewegungen und den Gewerkschaften offen als Unterstützer der LINKEN auf, machen kollektive Vorschläge und werden gegebenenfalls auch mal die Vorstände kritisieren oder gegen sie antreten.

Es gäbe da noch einiges mehr, aber zum Anfangen reichen diese Vorschläge sicherlich aus.

4. Wir selbst sind das Programm

Wir geben es gerne zu: das, was wir am Zustand der LINKEN bemängeln, hat auch viel mit der notwendigen Programm-Diskussion der LINKEN zu tun. Form und Inhalt gehören schon zusammen und so ist es kein Zufall, dass das sich bei der LINKEN immer mehr breit machende Organisationsmodell eine ziemliche Kopie sozialdemokratischer Organisation der Nach-Godesberg-SPD ist. Unsere Sorge, dass dem auch eine Übernahme der damaligen politischen Programmatik folgt, ist also durchaus berechtigt.  Wir wollen ein solches Programm nicht, weil es zutiefst unrealistisch ist, die Menschen desorientiert und soziale Konflikte in Niederlagen münden lässt.

Die LINKE hat 80.000 Mitglieder. Sie ist kein Zusammenschluss von Bürgersöhnchen, die eine radikale Wende herbeiflugblättern, wie es sie vielleicht in den 1970ern gab. Die LINKE ist auch kein Klientelzusammenschluss, der bestimmte Privilegien verteidigen will. Wer Mitgliedschaft und auch WählerInnenschaft der LINKEN analysiert, stellt fest, hier versammeln sich die Opfer der neoliberalen Politik, hier versammeln sich diejenigen, die zum Widerstand dagegen bereit sind. Wir werden von ebensolchen Menschen gewählt, zudem von Menschen die Sorge vor weiteren sozialen Absturz haben, von RentnerInnen, von perspektivlosen jungen Menschen und von Opfern der kapitalistischen Eingliederung der ehemaligen DDR. Wir beginnen unsere Forderungen an die Programmdiskussion  der LINKEN deshalb mit einer simplen, frechen, aber völlig angemessenen Feststellung: Das Programm sind zunächst wir selbst. Unsere Mitglieder und AnhängerInnen wollen einen Mindestlohn, wollen Umverteilung von oben nach unten, wollen die Abschaffung von  Hartz-IV, wollen Arbeitszeitverkürzung, sind gegen Studiengebühren, gegen Atom- und Kohlekraftwerke und gegen Krieg – weil sie selbst es wollen und für ein glücklicheres Leben benötigen.

Wir wünschen uns deshalb im gesamten Auftreten der Partei DIE LINKE, in Flyern und Wahlplakaten, in Reden und Dokumenten, eine deutliche Hinwendung zu mehr Subjektivität und mehr "Politik-in-der-ersten-Person". Allein eine solche Veränderung würde die Programm-Debatte der LINKEN von viel unnötigem Techtelmechtel befreien.

Auf dieser Grundlage und auf dem Hintergrund der tiefen weltweiten Krise des Kapitalismus fällt die zweite Entscheidung nicht schwer: Wir stellen die Systemfrage. Wir haben uns organisiert, treten zu Wahlen an, weil kleine Reformen, beschränkte Gesetzesänderungen und bescheidene Tarifforderungen nicht ausreichen. Wir sind nicht gegen diese Reformen und Forderungen, aber sie reichen nicht aus. Deshalb wollen wir nicht mit Willy Brandt nur ein zweites Mal "Mehr Demokratie wagen", sondern wir wollen ein zweites Mal "Den Sozialismus wagen".

Deshalb war es eine schöne Erfahrung, dass die aufgescheuchte Medienwelt nach Veröffentlichung des Entwurfs zum Landtagswahlprogramm in NRW nach Luft schnappte und uns radikalen Systemwechsel vorwarf. Sie haben uns darin schon richtig verstanden: Ohne Entmachtung der großen privaten Wirtschaftsunternehmen wird weder das Klima gerettet, noch ein gutes Leben für alle Menschen erreicht. Immer deutlicher wird zudem: Auch die Verteidigung des Bestehenden, die Arbeitsplätze bei Opel und anderswo zum Beispiel, ist nicht ohne diese alltägliche Machtfrage mit hoher Konfliktbereitschaft zu bekommen.

Wir halten die Programmdebatte der LINKEN für sehr erforderlich, um einen nächsten qualitativen Schritt auch im Parteiaufbau voranzukommen. Diese Debatte wird, wenn sie zu Ergebnissen führen soll, auf Grund der eben erwähnten Ausgangsbedingungen von "oben" losgehen müssen: von einer Begründung, dass das gesamte kapitalistische System ein historischer Irrläufer und Minderheitenprojekt ist. Das öffentliche Massenbewusstsein ist darin weit ehrlicher als viele aus unseren eigenen Reihen: Darin  sind wir die SozialistInnen, was denn sonst? Aber kaum eine/r weiß, was das eigentlich ist: der Sozialismus. Es ist unsere Aufgabe, diese Lücke zu schließen.

Aber unsere Programm-Diskussion darf nicht "oben" verweilen. Sie muss nach "unten", in die täglichen Lebenserfahrungen der Menschen, die wir erreichen und mobilisieren wollen, wirken. Dort werden ganz andere Fragen im Mittelpunkt stehen. Fragen nach Sofortlösungen zur Sicherung von Einkommen, Fragen nach guter Bildung und Ausbildung, nach bezahlbaren Wohnraum und umfassender Gesundheitsversorgung. Aber all das wird nicht durch ein Kreuz am Stimmzettel und auch nicht durch eine starke linke Fraktion oder linke Regierungsbeteiligung erreicht werden – die können nur einen kleinen Teil dazu beitragen. Die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse können und müssen an ihrer materiellen Basis verändert werden. Deshalb ermutigen wir die Menschen, sich zu wehren, in den Streik zu treten und den Konflikt, den Kampf um die eigenen Interessen weniger zu fürchten als ein Fortbestehen der heutigen Verhältnisse. Wir müssen mit unseren Parteistrukturen in diesen Konflikten dabei und nützlich sein. Schon immer haben Linke sich deshalb für Forderungen besonders engagiert, um die zu kämpfen heute erforderlich und einsichtig ist, die aber je mehr sie konkretisiert und umkämpft  werden, über die Grenzen des bestehenden Systems hinaus wirken und die Konturen einer neuen, solidarischen Gesellschaftsordnung herausbilden. Solche Übergangs-, oder wie sie viele Linke heute nennen, Richtungsforderungen, werden im Zentrum von Programm und Strategie der LINKEN stehen. Wir sind sicher, dass eine radikale Arbeitszeitverkürzung, ein Ausbau des öffentlichen Sektors, an dessen Beginn (nicht Ende!) wahrscheinlich oft Verstaatlichungen privater Unternehmen stehen werden, radikale Klimaschutzverordnungen und ein Ausbau demokratischer Freiheitsrechte wesentliche Bestandteile eines solchen Forderungsprogramms sind. All das wird nur durch stetig ausgebaute Strukturen der Produktionskontrolle, der Selbstorganisation und Selbstverwaltung zu verfestigen sein. Das ist das Gegenteil  der elenden Stellvertreterpolitik, wie sie alle anderen Parteien anbieten, sondern ein Angebot, mit uns als Teil der wirklichen Bewegung die Welt zu verändern.

Thies Gleiss
(Mitglied des Parteivorstandes)

 
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Peter Grottian

Zeit für einen Sturm - was tun die MdB´s in RLP?

Hier weiterlesen: http://www.jungewelt.de/2010/02-08/060.php

"Auch Die Linke sollte nicht glauben, mit der Forderung eines Regelsatzes von 500 Euro und vollmundigen Solidaritätsadressen ihre Aufgabe erledigt zu haben. Spektakuläre Aktionen ihrer Bundestags- und Landtagsabgeordneten gmeinsam mit Erwerbslosen wären das Mindeste, was man von einer wirklich linken Partei fordern sollte. Wenn der Eindruck entsteht, daß der Machtgewinn den Linken wichtiger ist als der solidarische Kampf mit Menschen, ist der repräsentative Absolutismus im Parteiensystem nicht mehr fern."

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Wo ist DIE LINKE?

Weg mit Hartz IV? Westerwelle geht in die Offensive und DIE LINKE? Die Linksfraktion in ihrem Antrag an den Bundestag formulierte:

"3. Die politisch verantwortlichen Instanzen müssen der sozialen Polarisierung, der zunehmenden Verarmung und Ausgrenzung in der Gesellschaft sowie der Entrechtung und Drangsalierung der betroffenen Menschen entschlossen entgegentreten. Hartz IV hat mit der fundamental falschen Ausrichtung den Sozialstaat beschädigt und damit die Voraussetzungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt undfür eine funktionierende Demokratie unterminiert. "

Ich meine, unsere Partei ist gerade dabei ein wesentliches Thema der politischen Mobilisierung zu verpassen. Proteste, Appelle, campact-Unterschriftensammelei.... bei den Betroffenen und deren Initiativen Verwirrung über die Interpretation. Mag sein, dass eine Fraktion so spricht, aber die Partei braucht eine andere Sprache, eine andere politische Taktik, Aufklärung, Mobiliserung, Agendasetting für Menschenwürde konkret, für ArbeitnehmerInnen und Erwerbslose! Zur Bewertung http://www.tacheles-sozialhilfe.de/aktuelles/2010/HarzIV_BVerfG_Bewertung_Roth.aspx Rainer Roth lesen.

Unsere Fraktion schrieb:

"Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Regelleistungen bei Hartz IV ist endgültig klar: Hartz IV ist ein Angriff auf den Sozialstaat und Armut per Gesetz. Die Regelleistungen für Erwachsene und Kinder bei Hartz IV sind verfassungswidrig und nicht existenzsichernd. Damit ist neben der Organisation auch der wesentliche Inhalt des Gesetzes für verfassungswidrig erklärt worden. Hartz IV ist endgültig gescheitert und muss grundlegend überwunden werden."

Stimmt diese Wertung? Hartz IV war nie ein Fehler, sondern Klassenkampf von oben! Auf welchen "herrschaftlichen" Diskurs lassen wir uns da ein?

Das BVG-Urteil ein Erfolg linker Politik? Ich sehe ganz andere Gründe und Mechanismen. Diese (zunächst wohl tuende) politische Vereinnahmung macht blind, für neoliberale Strategie!

Es braucht endlich eine Politik gemeinsam mit den WählerInnen, gemeinsam mit den sogenannten "Betroffenen". Schauen wir auf die Kreise der Partei in RLP oder auf der Landeswebsite, hier spiegelt sich die laue verbale Akrobatik statt der Organisation von Bündnissen und politischer Mobilisierung.

Auf unserer Landeswebsite (Linke RLP) sieht das so aus:

"Hartz IV-Regelsätze erhöhen. . Mindestlohn jetzt!

Union und FDP bereiten die weitere Demontage des Sozialstaates vor: Denn das Hartz-IV-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes in sein Gegenteil verkehren will nicht nur Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP). Guido Westerwelle verhöhnt die Bezieher von Hartz IV: "Spätrömische Dekadenz" sei der "anstrengungslose Wohlstand", den viele dem Volk versprächen, holzt Westerwelle durch Zeitungsseiten und Fernsehinterviews....

DIE LINKE verfolgt ein anderes Konzept: Wir wollen faire Löhne und faire Renten - und wir wollen, dass niemand in Armut und Elend leben muss. Finanzierbar ist das allemal: Das Geld ist vorhanden, es muss nur bei denen abgeholt werden, die es haben.jochen bülow, 15-02-2010" http://www.die-linke-rlp.de/?id=1497

Wo sehen wir etwas vom "Konzept" der Linken in den Kreisen und im Lande?

Bündnispolitisch ist nicht der Regelsatz das erste Thema, sondern die Befreiung von der Repression plus Armutsdrohung mit dem "zukünftig rechtmäßigen" Regelsatz (Gütesiegel Stiftung "Verfassungstest") bei steigender Arbeitslosigkeit, Verschlechterung der Arbeitsqualität und gesteigerter Arbeitsintensität, bei sinkenden Löhnen!

Die Linke muss deutlich machen: BügerInnen, beruhigt euch nicht! Menschenwürde beginnt damit für sie einzutreten, demokratisch, praktisch und konkret! Für einen armutsfesten flächendeckenden Mindestlohn. Für eine repressionsfreie Grundsicherung! Für ein selbstbestimmtes, menschenwürdiges Leben und Arbeiten. Für eine

radikale Umverteilung von Arbeitszeit und Reichtum!

Vor über 60 Jahren wurde der Artikel 1 und das Sozialstaatsgebot in das Grundgesetz geschrieben. Deren Umsetzung unter heutigen Bedingungen in eine lebendige

Verfassungswirklichkeit ist der Kern der politischen Auseinandersetzung, die auf der Tagesordnung steht. In der Tat ist durch die politische Beteiligung des Volkes außerparlamentarisch und auf den Straßen der Republik ein neuer Sozialstaat zu fordern, ein Staat der privaten Reichtum begrenzt, ein Staat der allen Menschen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht, ein Staat der der Herausbildung neuer gesellschaftlicher Verhältnisse, eines neuen Verständnisses von notwendiger Arbeit, von neuen Formen der Mitbestimmung und der Eigentumsrechte nicht machtpolitisch entgegen steht, sondern Zukunftsgwinn und menschliche Sicherheit umfassend fördert. Das wäre dann vielleicht auch der Weg zu einer Gesellschaft mit "sozialistischen Zügen".

Bernd Wittich Ludwigshafen, 17. Februar 2010

 

 

Gründungsaufruf 'Institut Solidarische Moderne'

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Gründungsaufruf 'Institut Solidarische Moderne'
Verabschiedet am 31. Januar 2010 in Berlin

Die Zeit ist reif für einen neuen Politikentwurf. Die existenziellen gesellschaftlichen Gefahren verlangen politisch realisierbare Antworten. Die Probleme unserer Welt sind offenkundig: von den ökologischen und wirtschaftlichen Grenzen des bisherigen ressourcenvernichtenden Wachstums bis zum gravierenden Gefälle zwischen individueller Reichtumsanhäufung und um sich greifender Armut, von der alltäglichen Missachtung der Menschenrechte bis zu vielen neuartigen Konflikten und Friedensgefährdungen. Doch obwohl inzwischen all diese Probleme hinlänglich bekannt und Gegenstand zahlreicher Weltkonferenzen gewesen sind, haben sie sich in den letzten beiden Jahrzehnten dramatisch zugespitzt. Wesentlicher Grund dafür ist die Hegemonie des Neoliberalismus in Politik und Wirtschaft, der unter dem Deckmantel vermeintlicher „Ideologiefreiheit" und „Alternativlosigkeit" einen beispielhaften Siegeszug feierte – mit verheerenden Folgen für Mensch, Natur und Gesellschaft.

Ein substanzieller politischer Gegenentwurf zur Ideologie des Neoliberalismus ist überfällig. Zu lange wurde verkündet, dass es (leider) keine Alternative gebe. Manches auf der Welt mag „alternativlos" sein: Wer Probleme langfristig lösen will, anstatt kurzfristig Symptome zu bekämpfen, muss auch vernetzt und langfristig denken, dazu gibt es keine Alternative. Eine politische Position hingegen kann niemals alternativlos sein. Die politische Alternative zum Neoliberalismus muss die untrennbaren Wirkungszusammenhänge von Ökologie und Wirtschaft sowie von sozialen und kulturellen Bedürfnissen der Menschen beachten. Sie muss den Grundwerten der freiheitlichen Selbstbestimmung und der grenzüberschreitenden Solidarität verpflichtet sein. Diese Alternative entsteht nicht von selbst. Sie muss erdacht, entwickelt und erprobt werden. Die gemeinsame Suche nach Alternativen ist ein entscheidender Beitrag dazu, dass aus der danach fragenden gesellschaftlichen Mehrheit wieder eine politische Mehrheit in demokratischen Wahlen wird. Dafür gründen wir den Verein „Institut Solidarische Moderne".

Was geschieht?
Wir leben in einer Welt, die immer stärker geprägt wird von den Resultaten einer von gesellschaftlicher Verantwortung entbundenen und nur noch an kurzfristigen Renditen ausgerichteten Marktwirtschaft. Wir erleben einen weltweit sich durchsetzenden Wettbewerb um – aus Perspektive der Profiteure – „billige" Arbeit, „billige" Nahrung und „billige" Energie, der sich als sozial, kulturell und ökologisch gleichermaßen ruinös erweist und dessen ökonomische „Effizienz" mit guten Gründen zu bezweifeln ist. Zunehmend mehr Menschen leiden unter einer Politik, die in Bezug auf deren alltäglichen Nöte ebenso wie auf die globalen Probleme der Menschheit ihre vermeintliche Ohnmacht oder Unzuständigkeit erklärt, für die Rettung der Finanzmärkte und die Sicherung „systemrelevanter" Partikularinteressen aber zu ebenso massiven wie kostspieligen Interventionen bereit ist.

Die BürgerInnen des demokratischen Rechtsstaates sind ZeugInnen und Geschädigte eines teils schleichenden und subtilen, teils rasanten und unverhohlenen Abbaus persönlicher Selbst- und gesellschaftlicher Mitbestimmungsrechte und einer Erosion der Demokratie, die mit dem Aufbau ausufernder Apparate zur Kontrolle und Überwachung, Einlullung, Stillstellung und Disziplinierung der Bevölkerung einhergeht. Sie erleben die anhaltende Herrschaft patriarchaler Strukturen, die Entrechtung von MigrantInnen, die Diskriminierung all jener Menschen und Lebensformen, die nicht den normativen Standards der Mehrheitsgesellschaft entsprechen. Eine sozial wie ökologisch weitgehend entpflichtete Wirtschaft einerseits, eine politisch entmündigte und in ihrer Vielfalt eingeschränkte Gesellschaft andererseits, „Turbokapitalismus" und „Postdemokratie": Das sind die weltweiten Konturen des real existierenden Neoliberalismus. Während in den Zentren der westlichen Wohlstandswelt viele Menschen, einstweilen noch auf hohem Niveau, daran leiden und zu resignieren beginnen, hungern und sterben andernorts Menschen.

Der nationale wie globale Neoliberalismus profitiert von politischer Enttäuschung und sozialer Apathie, von „Parteienverdrossenheit" und widerspruchslosem Privatismus, wo es um die aktive Mitwirkung an der Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse geht. Es gehört zum Alltagsgeschäft neoliberaler „Modernität", die politische Rat- und Tatlosigkeit der BürgerInnen zu beklagen – und sie gleichzeitig zu befördern. Neoliberale Politik lebt von gesellschaftlicher Lethargie, politischem Desinteresse, sozialer Demobilisierung, demokratischer Enthaltsamkeit, kurz: von der Leblosigkeit der Demokratie.

Wo setzen wir an?
Zur politischen Verwirklichung von Werten wie Freiheit und Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität, Autonomie und Partizipation ist eine lebendige Demokratie unerlässlich. Diejenigen, denen diese Werte zweitrangig sind, können auf eine demokratische Gestaltung der Gesellschaft und zumal auf die soziale Demokratie – und das heißt auch auf einen Staat, der die Lebenschancen und Selbstentfaltungsrechte aller BürgerInnen garantiert – im Zweifelsfall verzichten. Sollen solche Werte jedoch gesellschaftlich realisiert werden, so gilt es zuallererst, die Demokratie wiederzubeleben und in demokratischer Selbstbestimmung Alternativen zum Bestehenden zu denken.

Für eine Solidarische Moderne!
Die Debatten darüber, was „links" ist, haben in der Vergangenheit allzu oft dazu geführt, die gesellschaftliche Linke zu spalten, sie handlungs- und politikunfähig zu machen. Aber damals wie heute geht es darum, dass Menschen zusammenkommen, um solidarische und emanzipatorische Alternativen zur herrschenden Politik zu entwickeln und durchzusetzen. Denn die Verwirklichung der Emanzipation ist eine historische Aufgabe, die sich immer wieder neu stellt. In jeder Epoche wird es Hindernisse und auch Rückschläge geben, wie zuletzt die Jahre neoliberaler Hegemonie. Umso mehr bleibt aber die Notwendigkeit gemeinsamen Handelns für eine solidarische Gesellschaft bestehen, in der alle Menschen gleichberechtigt in Freiheit und Selbstbestimmung leben können.

Mit der „industriellen Moderne" vollzog sich nicht nur die gesellschaftliche Durchsetzung der Warenökonomie, sondern auch, als Erbe der Aufklärung, der Aufstieg jener politischen Leitideen, die das Denken und Handeln der „klassischen" Linken bestimmten: Gleichheit und Gerechtigkeit, Solidarität und Demokratie. Die soziale Frage des Industriezeitalters und der „industriellen Linken" war die Frage nach der Verteilung des gesellschaftlich geschaffenen Mehrprodukts. Kritik am Kapitalismus entzündete sich in Form von Gerechtigkeitsforderungen vorrangig dort, wo materieller Reichtum ungleich verteilt wurde. Das soziale Handeln richtete sich auf die materielle Verwirklichung der Ideen der Aufklärung, auf solidarische Formen des Wirtschaftens und verstärkte Teilhabe der „Arbeit" am zunehmenden gesellschaftlichen Wohlstand. Die industrielle Linke stieß jedoch an ihre politischen Grenzen, als der moderne Industriekapitalismus an seine Wachstums- und Ressourcengrenzen stieß – bzw. nicht zuletzt durch die „postindustrielle Linke" darauf gestoßen wurde. Zu den konzeptionellen Schwächen der industriellen Linken gehörte und gehört ebenso die Fokussierung auf Erwerbsarbeit und eine damit einhergehende Ignoranz gegenüber anderen, gesellschaftlich gleichermaßen bedeutenden Tätigkeiten wie Reproduktionsarbeit, politisches Engagement, Bildungsarbeit und Muße. Nicht zuletzt bestand ein maßgeblicher Fehler der politischen Linken darin, zwar den Kapitalismus als System der Ausbeutung der übergroßen Mehrheit durch eine privilegierte Minderheit zu identifizieren, nicht aber zugleich andere gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen, wie etwa das Patriarchat als System der Unterdrückung von Frauen, ins Zentrum der Kritik zu stellen.

Auf der Grundlage des insbesondere von der organisierten ArbeiterInnenbewegung durchgesetzten breiten materiellen Wohlstands in den Nachkriegsgesellschaften entwickelte sich in der westlichen „Postmoderne" ein breites Spektrum neuer sozialer Bewegungen, namentlich die zweite Umweltbewegung, die neue Friedensbewegung und die zweite Frauenbewegung, sowie eine neue alternative Linke, für die immaterielle Bedürfnisse und neue soziale Fragen stärker in den Mittelpunkt des Interesses rückten: individuelle Entfaltungsfreiheit und Selbstbestimmungsrechte, kulturelle Vielfalt und demokratische Partizipation, Geschlechtergerechtigkeit und der Schutz der natürlichen Umwelt. Was über der Kritik an der industriellen Moderne und an deren politischen Trägern allerdings zum Teil verloren ging, war das Bewusstsein für die anhaltende Bedeutung der „alten" sozialen Frage auch in der „neuen" Welt des Dienstleistungs-, Wissens- und Informationskapitalismus: Die Frage nach der Verteilung des materiellen Reichtums war mit der Zunahme immaterieller Arbeit und individueller Selbstverwirklichung keinesfalls „gelöst" oder obsolet geworden. Und dies nicht einmal in den kapitalistischen „Zentren" der Welt (wo sie allenfalls durch wirtschaftliches Wachstum überdeckt wurde), geschweige denn in den Gesellschaften der „Peripherie" bzw. des „globalen Südens" oder gar im Verhältnis beider zueinander.

Was muss geschehen?
Im Lichte der langen Erfahrungsgeschichte der demokratischen Organisationen und Bewegungen der Linken, ihrer historischen Erfolge und auch ihrer strategischen Irrtümer, muss eine linke Politik auf der Höhe der Zeit für eine andere Moderne stehen und einstehen. Sie muss für eine Moderne streiten, die beides in sich vereint und weiterentwickelt: die Verteilungssensibilität der „alten" und die individuellen Selbstbestimmungsansprüche der „neuen" Linken. Am Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich die Linke den nicht zu leugnenden Problemen einer veränderten Welt zu stellen – einer Welt, die solidarisch gestaltet werden muss.

Unter dem Begriff der Solidarischen Moderne verstehen wir die so dringend erforderliche Versöhnung zwischen den emanzipatorischen Ansätzen der Industrie- und der Postmoderne und ihre Weiterentwicklung zu einer sozial-ökologischen Antwort auf die Fragen der neuen Zeit. Die neue Zeit braucht den politischen Kampf um die gleiche Teilhabe aller BürgerInnen an den gesellschaftlich produzierten Werten, für die öffentliche Garantie gesellschaftlich angemessener Existenzbedingungen und gleicher Lebenschancen für alle. Die neue Zeit braucht den politischen Kampf um kulturelle Selbstbestimmung und demokratische Mitbestimmung, für eine Politik der gleichen öffentlichen Wertschätzung und Unterstützung unterschiedlicher Lebensweisen. Die neue Zeit braucht den politischen Kampf um eine ökologische Ökonomie, die sich auf erneuerbare Ressourcen stützt und die sozialen Kosten von Klima- und Umweltschäden vermeidet, den Kampf für eine gerechte Welt, in der niemand zu Lasten anderer lebt und in der Konflikte friedlich gelöst werden, in einem Geist kosmopolitischer Solidarität.

In der Solidarischen Moderne muss emanzipatorische Kritik am Kapitalismus, am Patriarchat, an der bestehenden Gesellschaftsform neu bestimmt werden – ohne alle Räder neu erfinden zu müssen: Es gilt, die Umverteilung materieller Ressourcen und die Anerkennung gesellschaftlicher Vielfalt miteinander zu vereinen. Es gilt zudem, Kritik als Herrschaftskritik zu erneuern, im Kampf für die Emanzipation aller Menschen und ihrer Befreiung von allem, was unterdrückt, verdummt und bevormundet. Und es gilt, Kritik als Demokratiekritik zu schärfen, genauer: als Kritik an der real existierenden Demokratie, deren fortschreitende Verkümmerung insbesondere diejenigen spüren, die von gelebten demokratischen Verhältnissen etwas, bisweilen auch sehr viel, zu gewinnen hätten.

In der Solidarischen Moderne muss schließlich die geistige und politische „Enteignung" der alten und neuen sozialen Bewegungen durch den Kapitalismus überwunden werden. Die Linke der Solidarischen Moderne muss sich gegen das liberalkapitalistische Versprechen der Wohlfahrtseffekte liberalisierter Märkte wehren, gegen die Privatisierung der öffentlichen Leistungen und Infrastrukturen und gegen die industriekapitalistische Verheißung grenzenlosen Wachstums, im Zuge dessen sich auch die Verteilungsfrage von selbst erledige. Zum anderen geht es darum, die aufgesetzte Rhetorik der „Flexibilisierung" zu entzaubern und die Suggestion permanenter Optionssteigerungen sowie die Fiktion unbegrenzter individueller Entfaltungsmöglichkeiten im flexiblen Kapitalismus der „Wissensgesellschaft" als Ideologie zu enttarnen. Sie muss eine breite gesellschaftliche Bewegung zur wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Berechtigung der BürgerInnen sein, die sich gegen die Tendenz wendet, wonach die Verantwortung für die Herstellung des Sozialen immer weniger in der „öffentlichen Hand" liegen könne und immer stärker in die „Eigenverantwortung" der Einzelnen zu überführen sei. Sie muss für die Aufrechterhaltung und den Ausbau einer Infrastruktur öffentlicher Güter streiten und sich für deren solidarische Finanzierung einsetzen. Sie muss in all diesen und vielen weiteren Belangen darauf hinwirken, dass gesellschaftliche Mehrheitserwartungen an eine solidarisch-moderne politische Gestaltung der Gesellschaft – die es durchaus gibt – sich auch in entsprechende politische Mehrheitsbildungen überführen lassen.

Was wollen wir tun?
Der Verein „Institut Solidarische Moderne" will – im Rahmen seiner Möglichkeiten – einen gesellschaftlichen Diskurs anstoßen, der diese Veränderungsprozesse trägt. Der Verein bringt politische Menschen aus gesellschaftlichen Organisationen und aus politischen Parteien, aus akademischer Wissenschaft und aus sozialen Bewegungen zusammen, die Impulse für alternative Programme und eine alternative Politik geben wollen. Er versteht sich als Denkwerkstatt, als „think tank" für politische Zukunftsentwürfe und organisiert seine Arbeit in einem Rahmen, der offene und innovative Mitwirkungsmöglichkeiten für all jene bereitstellen soll, die sich dem politischen Projekt einer Solidarischen Moderne verbunden fühlen.

Die hinter der Gründung des Vereins „Institut Solidarische Moderne" stehende Wahrnehmung einer mangelnden diskursiven und politischen Gegenwehr gegen den auf vielfältige Weise bereits materialisierten neoliberalen Zeitgeist und dessen Zumutungen bedingt auch dessen Leitidee: ein Forum der gesellschaftlichen Debatte für einen Gegenentwurf zur herrschenden Politik zu sein. Der Verein soll und wird ein Forum nicht nur des thematischen Brückenschlags sein, in dem Bewusstsein, dass solidarisches Handeln und ökologische Wende auf das Engste miteinander verbunden sind. Er wird auch ein Ort des personellen und des politischen, zudem des europäischen und des internationalen „Crossover" sein und sein müssen, wenn ihm ein spürbarer und nachhaltiger Erfolg beschieden sein soll. Indem er im Denken und Handeln zusammenführt, was gesellschaftspolitisch zusammengehört, knüpft er einen neuen, sichtbaren Faden durch die politische Landschaft, der die Gemeinsamkeiten unterschiedlichster Akteure herausarbeitet und zu gestaltungsfähigen Alternativen profiliert.

Zu einem gewissen Teil wird es dabei „nur" nötig sein, bereits existierendes politisches Problem- und Lösungswissen gesellschaftlich zu verbreiten und zu popularisieren. Zu einem anderen – größeren – Teil allerdings wird es darum gehen müssen, sich den substanziellen Fragen unserer Zeit zu stellen und um praktikable Antworten zu ringen. Dies wollen wir gemeinsam tun: fragend gesellschaftspolitische Alternativen eröffnen.

Um was geht es?
Soziale Ökonomie: Wie lässt sich die wirtschaftliche Globalisierung sozial und ökologisch einbetten? Wie wäre die internationale Wirtschafts- und Finanzordnung umzugestalten, wie könnte eine Demokratisierung nationaler Wirtschaftsstrukturen vollzogen werden?Wie kann Erwerbsarbeit so (um)gestaltet werden, dass heute gefährdete Humanisierungserfolge der Vergangenheit wiederhergestellt und weiter vorangetrieben werden? Wie kann die öffentliche Daseinsvorsorge in ihrer sozialen Produktivität erhalten bzw. erneuert werden? Wie kann durch eine erweiterte Finanzierungsbasis der öffentlichen Hand das jeweils von allen erwirtschaftete Mehrprodukt auch allen Gesellschaftsmitgliedern in gerechten Anteilen zugute kommen, trotz Internationalisierung der Wirtschaft? Wie kann eine nachhaltige Finanzpolitik aussehen, die den Prinzipien der Generationensolidarität verpflichtet ist, auch und gerade in Zeiten einer alternden Gesellschaft? Wie kann eine moderne solidarische Ökonomie jenseits von traditioneller Privatwirtschaft und Erwerbsarbeit organisiert werden?

Ökologische Gerechtigkeit: Wie kann und muss die Transformation zu einer ökologisch dauerhaft erneuerbaren Ressourcenbasis, weg von quantitativem Wachstum hin zu qualitativer Entwicklung, ohne neue soziale Verwerfungen vorangetrieben werden? Wie kann die globalisierte kapitalistisch-fossilistische Ökonomie in eine nachhaltige Bewirtschaftung unseres Planeten transformiert werden? Welche Steuerungsmaßnahmen können oder müssen auf nationaler und europäischer Ebene ergriffen werden, um diese Transformation einzuleiten? Was bedeutet dieser Transformationsprozess für die Lebensstandards in den westlichen Demokratien? Wie können die industrialisierten Staaten des Nordens „ökologische Solidarität" mit jenen Ländern praktizieren, in denen die Menschen unter den Folgen des Klimawandels ganz besonders leiden? Wie müsste ein neues, globales Ernährungsregime aussehen, das ohne Überausbeutung der Erde die menschenwürdige Existenz all ihrer BewohnerInnen sicherstellt?

Humanistische Bildung und kulturelle Emanzipation: Wie lassen sich Bildungschancen effektiv demokratisieren? Wie kann ganzheitliche Bildung und ästhetische Erziehung verwirklicht werden, die neben den beruflichen Qualifikationen auf Bildung zur Demokratie- und Sozialfähigkeit setzt, also auf eine zeitgenössische humane und technische Bildung, auf Kreativität und auf kulturelle Kompetenz? Wie können Geschlechterstereotype aufgelöst werden, wie lässt sich Toleranz für die Pluralität von Lebensformen und Lebensentwürfen in heterogenen Gesellschaften befördern? Wie können die Produktion und der Konsum von Kulturgütern demokratisiert werden? Wie wird die politische Unabhängigkeit der Medien sichergestellt, wie wird ihr Bildungsauftrag in einer demokratischen Gesellschaft verwirklicht?

Geschlechtergerechtigkeit: Wie können wir Geschlechtergerechtigkeit in allen gesellschaftlichen Zusammenhängen erreichen und es Frauen wie Männern ermöglichen, sich von herkömmlichen, patriarchalischen Rollenklischees zu befreien? Wie Gewalt gegen Frauen und Mädchen weltweit bekämpft werden? Wie kann die bisher weitgehend von Frauen geleistete soziale Reproduktionsarbeit zwischen den Geschlechtern umverteilt und neben der Güterproduktion als gleichwertige Quelle gesellschaftlichen Wohlstands anerkannt werden? Wie kann die ungleiche, hierarchische Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern überwunden werden? Wie lässt sich die ökonomische Unabhängigkeit aller Frauen ermöglichen? Wie können Frauen ihren Anspruch auf gleichberechtigte Partizipation an der politischen Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse durchsetzen? Wie lässt sich die kulturelle Norm der Heterosexualität gesellschaftlich durchbrechen?

Demokratischer Sozialstaat: Wie könnensolidarisch finanzierte öffentliche Güter in den Bereichen Bildung und Beratung, Gesundheit und Pflege so organisiert werden, dass sie qualitativ hochwertig und für alle BürgerInnen zugänglich sind? Wie können soziale Grundrechte und persönliche Selbstbestimmung durch öffentliches Handeln für alle garantiert werden? Wie kann die Weiterentwicklung des Sozialstaats von der institutionalisierten industriegesellschaftlichen Arbeits- und Leistungslogik zu einem bürgerrechtlich begründeten Arrangement gelingen, das der Realität der gewandelten Erwerbsarbeitswelt Rechnung trägt? Wie kann Reichtum gerecht verteilt, wie kann Erwerbsarbeit gesellschaftlich umverteilt, wie können unterschiedlichste Formen gesellschaftlich sinnvoller Tätigkeit sozial gesichert werden?Wie kann die Politik der reichen, „entwickelten" Gesellschaften des „globalen Nordens" von einem Modus der Verteilung von (meist ausbeuterisch produzierten) Zuwächsen auf einen solchen der Verteilung von materiellen Verlusten umstellen, ohne dass diese Gesellschaften von Ressentiments und Rassismen, Exklusion und Entdemokratisierung zerrissen werden? Wie sieht angesichts dieser Herausforderung ein Begriff von Lebensqualität aus, der nicht ausschließlich auf das ständige Wachstum materiellen Wohlstands zielt?

Kosmopolitismus von unten, Globale Soziale Rechte und Regeln, solidarisches Europa: Wie kann ein menschenrechtsorientierter Kosmopolitismus unter Achtung der multikulturellen Vielfalt in der Weltzivilisation aussehen? Wie können Konflikte gewaltfrei gelöst werden, in einer Welt, in der sich kriegerische Gewalt zunehmend privatisiert und geltenden völkerrechtlichen Normen entzieht? Welcher Gestaltungsraum globaler Prozesse und Phänomene kann supranationalen Organisationen, Institutionen und Regimen zukommen, und welche Gestaltungsräume „von unten" sind für eine demokratische Gesellschaft unverzichtbar?Wiesieht eine solidarische Aufgabenverteilung zwischen kommunaler, regionaler, nationaler, europäischer und globaler Ebene aus? Wie könnte ein nicht-militärisches Verständnis von Sicherheit aussehen, wie politisch umgesetzt werden?Wie kann eine Reform der Europäischen Union im Geiste der Solidarischen Moderne erreicht werden, wie könnte Europa als Ideenwerkstatt und Brückenkopf alternativer politischer Gestaltungsformen und gesellschaftlicher Entwicklungsprozesse wirken?

Demokratischer Aufbruch und Gesellschaft der Vielfalt: Wie kann die Selbstermächtigung der Menschen befördert werden und wie können wir die Grund- und Freiheitsrechte der BürgerInnen stärken?Wie muss eine institutionelle Demokratie gestaltet werden, in der wieder „alle Macht vom Volke ausgeht"? Wie kann Regulierung so organisiert und demokratisch kontrolliert werden, dass sie Ressource gesellschaftlicher Selbstorganisation ist, anstatt Machtinstrument staatlicher Bevormundung zu sein? Wie können wir angesichts der Tatsache, dass ein großer Teil der Wohnbevölkerung Europas MigrantInnen sind, politische Beteiligungsrechte neu begründen und ausweiten? Wie können die technokratischen Politikverflechtungen zwischen den institutionellen Ebenen überwunden und dezentrale Selbstverwaltungskompetenzen gestärkt werden? Wie können die Parlamente gegenüber der Exekutive gestärkt werden, wie können sich die Parteien reformieren und für die effektive Mitwirkung der BürgerInnen öffnen? Wie und wo können Elemente direkter Demokratie eingeführt oder verbessert werden? Wie lässt sich Wirtschaftsdemokratie befördern? Was ist in einer demokratischen Gesellschaft gegen den institutionalisierten wie den alltäglichen Rassismus zu unternehmen? Auf welche Weise kann das Recht auf Privatheit und persönliche Selbstbestimmung wirksam garantiert werden? Wie lässt sich in einer bunten und heterogenen Gesellschaft, in der keine Lebensführungsnormen verordnet werden, sondern Individualität garantiert wird, Solidarität organisieren?

So viele Fragen, so dringliche Antworten. Es ist an der Zeit, diese Fragen zu stellen – und Antworten zu finden, die politisch zur Entfaltung gebracht werden können.

Die Zeit ist reif für neue Ideen. Das Institut Solidarische Moderne sucht nach ihnen: offen für Neues, vernetzt im Denken, kollektiv im Handeln. Fragend schreiten wir voran – und wir werden Antworten finden, die eine andere Republik, eine andere Gesellschaft, eine andere Welt möglich machen, hier und jetzt, vor unseren Augen, gemeinsam. Dabei wollen wir nicht unter uns bleiben. Wer die Solidarische Moderne mitgestalten will, ist herzlich willkommen!

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 09. Februar 2010 um 10:17 Uhr
 

Veranstaltung - 20 Jahre demokratische Revolution in der DDR

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Thema: Machtkampf in der LINKEN?

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Betrachtung über eine verschobene Debatte in der LINKEN

Von einer »neuen Streitkultur« ist häufig die Rede, wenn sich neue politische Formationen bilden. Es ist ein Schlagwort gegen die von der Öffentlichkeit gelegentlich zwar goutierten, aber nie honorierten politischen Machtkämpfe, Intrigen und Winkelzüge in den Hinterzimmern der Politiketagen. Als Alternative dagegen wird der demokratische Meinungsstreit gesetzt, bei dem sich die besseren Argumente kraft Überzeugung und nicht kraft Machtposition durchsetzen sollen. Dieser soll zudem coram publico verhandelt werden, also öffentlich transparent und nachvollziehbar sein. Die Grünen versprachen solch neue Streitkultur seinerzeit und vermasselten sie schließlich in personalisierten Frontalkämpfen ihrer Flügel.

Auch die LINKE versprach sie und bietet zur Zeit alles andere als einen Beleg dafür. Dabei hätte sie viel im öffentlichen Meinungsstreit über die politische Zukunft in unserem Land und ihre eigene Programmatik zu gewinnen. Dass es einen großen Bedarf an Klärung, folglich am streitbaren Austausch inhaltlicher Argumente auch zum eigenen weiteren Kurs gibt, hat sie immerhin bei Verabschiedung ihrer »Programmatischen Eckpunkte« im Frühjahr 2007 selbst erklärt. Dort sind zum Schluss des Dokuments 16 grundlegende Fragen notiert, auf die »Antworten gefunden werden müssen« – und die Aufzählung sollte laut dortigem Text lediglich eine »Anregung« sein. Der Klärungsbedarf wurde also weit darüber hinaus gesehen.

Politisch messbare Erfolge, wie sie der Einzug der LINKEN in die ersten sechs westlichen Landesparlamente und ihr zweistelliges Ergebnis bei der letzten Bundestagswahl darstellen, scheinen sie aber dazu verführt zu haben, notwendige inhaltliche Debatten (und daraus folgende politische Initiativen) auf der Aufgabenliste nach hinten zu rücken. Auch wenn anderes betont wird, ist das ein Rückgriff auf die Vorstellung, man müsse nach außen auf jeden Fall Klarheit, Festigkeit und Geschlossenheit demonstrieren, um keine Zweifel an bereits vorhandener politischer Stärke aufkommen zu lassen.

Es zeigt sich darin ein Misstrauen in die Urteilsfähigkeit des »Publikums«; ein scheinbar berechtigtes nur insoweit, als ein großer Teil der Medien jeden Sachstreit allzu gern als Personenstreit behandelt, sich des Krawalls statt der Lösungssuche annimmt, bzw. letztere in ersteren zu verwandeln versucht. Und es zeigt sich eine zumal in höheren Parteietagen einnistende Mentalität, hinsichtlich des Ausgangs von erkennbarem Meinungsstreit vor allem in den Kategorien von Siegen und Besiegtwerden und weniger in denen von Lernen und Dazulernen zu denken. Je höher die Machtposition, desto ausgreifender offenbar das Bemühen, das eigene Image von vermeintlicher Beschädigung freizuhalten, und desto abnehmender die Bereitschaft zum offenen Bekenntnis: Da habe ich geirrt und mich von Besserem überzeugen lassen.

Nun hören wir seit Tagen von einem »Machtkampf in der Linkspartei«, genauer: einem solchen zwischen dem einen Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine und dem Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch. Freilich wird die Existenz eines solchen Machtkampfes von allen in mehr oder weniger engem Umkreis Beteiligten bestritten, bzw. beredt dazu geschwiegen. Es gibt allerhand Gerüchte und allerhand Beschwichtigungen; die kaum oder nicht Beteiligten, eine oder mehrere Stufen tiefer, räumen ihn hinter vorgehaltener Hand ein. Die Streitkultur innerhalb der LINKEN zeigt Frost.

Inhaltlich lässt sich mutmaßen, dass Lafontaine für etwas größere und Bartsch für etwas geringere Vorbehalte in der Frage von Regierungsbeteiligungen der LINKEN steht. Doch da dies eine der Fragen ist, die in den »Programmatischen Eckpunkten« zwar als zu debattieren genannt werden, über die konkret aber kein wirklich bewertbarer Meinungsstreit geführt wird, sind dies einstweilen eben kaum mehr als Mutmaßungen. Zudem lassen sich Äußerungen von beiden finden, die den Willen zu betrübnisfreier Opposition wie die Bereitschaft zu Reformprojekten in Regierungsbeteiligung nicht um jeden Preis betonen.

Schemenhafte Konturen der nicht geführten Auseinandersetzung zeigen sich nur, wenn es wie in Brandenburg um einen konkreten Regierungsvertrag geht. Aber da auch dann im Wesentlichen in Andeutungen »debattiert« wird, mehr noch: solche Andeutungen eher über Dritte kolportiert werden, bleiben inhaltliche Differenzen vage. Es ist dies ein Missstand. Welcher Zacken bräche wem aus welcher Krone, wenn jemand ohne Hinterhalt sagte: Im Gegensatz zu meinem Genossen in der Parteiführung bin ich der Meinung, dass ...? Ist es auch für die LINKE nur ein naiver Traum, Differenzen aushalten zu können statt sie ausschalten zu müssen?

So gedeihen persönliche Hakeleien intern und Krawallgeschichten extern umso kräftiger. Oskar Lafontaine war kürzlich Objekt einer unanständigen Mediengeschichte, nachdem er überraschend seinen Verzicht auf den neuen Fraktionsvorsitz im Bundestag mitgeteilt hatte. Der »Spiegel« übertrumpfte den Boulevard, präsentierte Gerüchte über eine »Liebesaffäre« von Lafontaine mit einer Parteigenossin und über die »Erosion seiner Autorität« in der Linkspartei. Stichwortgeber, so hieß es kurz darauf, sei Dietmar Bartsch gewesen.

Belege dafür gibt es nicht, der Betreffende dementiert das, und die Gerüchte, die die »Spiegel«Redakteure Stefan Berg und Markus Deggerich in ihren Teig rührten, wurden seit Längerem hier und da herumgetragen, ohne dass irgendein seriöser Journalist sie für mitteilenswert hielt. Bartsch wurde so jedoch zum bad boy, dem man nun als nächstem nachzustellen versuchte, von der »taz« gleich am Folgetag der »Spiegel«-Story und von der »jungen Welt« als Bestätigung ohnehin alter Verdächte.

Mittlerweile wurde er weit darüber hinaus zur Zielscheibe von florierenden Behauptungen, die sogar nachweislich falsch sind: so jene, dass er eine »Nachfolgedebatte« angestoßen habe, unmittelbar nachdem Lafontaine seine bevorstehende Operation bekannt gab. Das war indes nicht Bartsch, sondern der Fraktionschef der Thüringer Landtags-LINKEN, Bodo Ramelow, in einem Zeitungsgespräch. Dazu äußerte er anschließend, es sei bereits vor der Kenntnis über Lafontaines Erkrankung geführt worden. Bei der Autorisierung habe er angesichts dieser Kenntnis nur eingefügt, dass die LINKE sich auf einen personellen Wechsel an der Parteispitze vorbereiten müsse, habe »nichts mit seiner (Lafontaines) Krebsoperation zu tun«. So schwer sich Lafontaine gegen die ins Persönliche gehende mediale Kränkung schützen konnte, so schwer ist dies nun für den Bundesgeschäftsführer der LINKEN.

Chronistisch muss hinzugefügt wurden, dass der »erste Schuss« auf Bartsch der frühere war und aus »vertrauter« Richtung kam: In einem Interview mit der »jungen Welt« vom 11. Juni 2009, unmittelbar nach der Europawahl, gab Albrecht Müller, einst im Wahlkampfstab von Willy Brandt tätig, eine Breitseite gegen Bartsch zu Protokoll: Die LINKE habe sich mit dem von ihm geleiteten Wahlkampf zum Europaparlament »lieb Kind bei den konservativen Medien« gemacht, es habe keine »offensive Unterstützung der Frontleute Gregor Gysi und Oskar Lafontaine« gegen die »antikommunistische Berieselung« durch die konservativen Medien gegeben. »Die Partei braucht an ihrer Spitze eine Persönlichkeit, die offensiv dagegen angeht, das wäre eigentlich die Aufgabe von Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch. Er müsste der Ausputzer sein, der den Mut hat, sich mit diesen Medien anzulegen.«

Eine im Grunde sinnvolle Debatte darüber, ob und wie die LINKE sich in der Auseinandersetzung mit ihren politischen Gegnern »platziert«, wurde so von vornherein in eine Kampfansage mit persönlicher Adresse gelenkt. Es durfte alsbald vermutet werden, dass daraus genau das Ausscheidungsrennen wird, das weite Teile der Partei und der an ihr interessierten Umgebung inzwischen an ihre Tribünensitze fesselt.

Für diese Entwicklung spielte auch eine Rolle, dass eine gründliche Analyse der linken Wahlerfolge bislang weitgehend versäumt wurde. Bei nicht wenigen setzte sich die arg vereinfachte Lesart durch, Bartsch als Geschäftsführer und Wahlkampfleiter habe die Europawahl im Juni mit einem eher enttäuschenden Ergebnis von 7,5 Prozent versemmelt, Lafontaine als Parteivorsitzendem hingegen sei der Erfolg der 11,9 Prozent bei der Bundestagswahl im September zu verdanken. Beide – mit vielen anderen – haben doch wohl ihren Anteil an beiden Ergebnissen.

In solchen Schablonen spiegelt sich auch eine verbreitete, sehr vereinfachte Sichtweise auf den gesamten bisherigen politischen Erfolg der LINKEN wider. Er sei alleiniges Werk der Neugründung dieser Partei, die PDS habe 2002 ja bewiesen, dass ihre Kraft aufgezehrt sei und sie sich nicht weiter im Bundestag halten könne. Das bleibt nur ein Teil der Wahrheit. Der andere ist eben: Der WASG allein, ohne die in Kommunen und Ländern verankerten linken Potenziale im Osten und ohne die inhaltliche »Vorarbeit« der vormaligen PDS (auch im Zeitraum ihrer auf Bundesebene weitgehend außerparlamentarischen Existenz), wäre vermutlich ebenso wenig Glück beschieden gewesen. Inzwischen hat sich mancherorts im Westen ein geradezu berstendes Selbstbewusstsein entfaltet, das den nach wie vor unterschiedlichen Realitäten des parlamentarischen und außerparlamentarischen Einflusses der LINKEN in Ost und West wenig entspricht. Die seit zweieinhalb Jahren existierende Fusionspartei ist nach wie vor ein durchaus fragiles Gebilde.

Es könnte tatsächlich auch wieder zerbrechen. Bei manchen Akteuren des gegenwärtigen »Machtkampfes«, die keineswegs identisch mit den beiden als Kontrahenten genannten Spitzenpolitikern Lafontaine und Bartsch sind und zuweilen anscheinend mit einer Art vorauseilendem Gehorsam handeln, entsteht der Eindruck, dass es ihnen über die Personalfrage hinaus auch um etwas geht, was die LINKE als einzige Partei vermeiden wollte: Die Frage aufzuwerfen, ob der Osten über den Westen oder der Westen über den Osten siegt.

Bernd Riexinger, Landessprecher der LINKEN in Baden-Württemberg, der einen der jüngst bekannt gewordenen Briefe an Gregor Gysi schrieb (»Ich bitte Dich Dietmar Bartsch zu bewegen eine andere Aufgabe außerhalb des Karl Liebknecht Hauses zu übernehmen, bevor die Lage in unserer Partei eskaliert und DIE LINKE weiter Schaden nimmt.«), hat sich in dieser Angelegenheit in einem Interview mit der gestrigen »jungen Welt« (7.11.) als eine Art Sprachrohr des Ost-West-Konflikts inszeniert: »Es ist so ..., dass sämtliche Landessprecher im Westen einer ähnlichen, wenn nicht derselben Auffassung in der Sache sind.« Die Verhältnisse in den ostdeutschen Landesverbänden seien demgegenüber »bei Weitem nicht so homogen, wie dies den Eindruck hat«. Ob dem so ist, sei dahingestellt. Solche Äußerungen signalisieren aber genau jenen Anspruch, den Osten auch bei der LINKEN »klein zu kriegen«.

Inzwischen ist ein Begriff hoch im Kurs: Loyalität. Ein Bundesgeschäftsführer müsse »loyal zum Vorsitzenden stehen, absolut loyal«, wird der stellvertretende Partei- und Fraktionsvorsitzende Klaus Ernst in der Donnerstagausgabe der »Welt« zitiert. Und er fügt an, es gebe »mehrere, die das Amt des Bundesgeschäftsführers ausüben könnten, aber keinen, der Lafontaine ersetzen könnte«. Man wird Klaus Ernst vermutlich nicht missverstehen, wenn man aus diesen zwei Feststellungen den Vorwurf vernimmt, dass es seiner Ansicht nach im Falle des amtierenden Bundesgeschäftsführers mit der Loyalität gegenüber dem Parteivorsitzenden hapere.

Nun gehört die Einforderung von Loyalität in politischen Verbänden zu den am meisten missbrauchten Disziplinierungsmechanismen, es ist vorsichtig damit umzugehen. Denn gemeint wurde häufig nicht eine Loyalität im weiteren Sinne (die Achtung der Interessen anderer und der redliche Umgang damit), sondern in einer engeren Definition: als widerspruchslose Treue und Gefolgschaft gegenüber einer parteilichen Obrigkeit, abgestuft bis in die höchsten Zirkel. Verbände, die diesen Mechanismus einsetzten, gehörten nicht nur zur kommunistischen Bewegung, sein Gebrauch war und ist auch der Sozialdemokratie nicht fremd.

Gibt es ein Herauskommen aus der verfahrenen Situation, in der sich die LINKE derzeit (bundesweit, nur darum geht es) befindet? Sie müsste zu den Aufgaben zurückfinden, die sie sich mit ihrer Gründung gestellt und in ihren »Programmatischen Eckpunkten« formuliert hat, und an ihre Bewältigung gehen. Mit Debatten, und das heißt auch: mit Streit. Aber mit einem solchen, der auf die politischen Ziele orientiert ist und nicht auf innerparteiliche Machtverteilungen und -abgrenzungen. Das ließe auch ins Leere laufen, was als Medienkampagne geortet, zu nicht unerheblichem Teil aber aus der Partei heraus gefüttert wird. Wider besseres Wissen oder mangels selbigen?

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Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 09. Januar 2010 um 12:44 Uhr
 


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